Lesespaß für Kinder

Oder: Kinder lesen so wie Kinder lesen

Wir Erwachsene lesen als erwachsene Leserinnen und Leser. Für uns läuft der Leseprozeß fast automatisch ab. Und das ist gut so. Denn ansonsten könnte keine höhere Lesegeschwindigkeit erreicht werden.

Kinder sind auf dem Weg dorthin, auf einem oft sehr mühevollen, jedes Kind auf seine Weise. Mit der Reihe "Lesespaß für Kinder" (ab Heft 9/1994 in der GRUNDSCHULE) wird versucht, diese Entwicklung günstig zu beeinflussen.
Wie müssen Erstlesetexte aussehen, um den Leseanfängerinnen und -anfängern wirklich gerecht zu werden? Ein wesentliches Problem liegt in der Selbsteinschätzung der Lehrerinnen, der Lehrer zur eigenen Lesepraxis einerseits und der komplizierten und zugleich komplexen Tätigkeit des Lesens andererseits. Diese Differenz kann durch Lernen überbrückt werden.
Bei der zweiten Spannung ist das wesentlich schwieriger. Die Denk- und Sprechsprachentwicklung von etwa Sechsjährigen ist nahezu voll entwickelt und ihr Leben lang praktiziert und geübt. Ihre Fähigkeiten im Lesen und Schreiben demgegenüber stecken in den Anfängen. Hinzu kommt, dass das, was mit "literarischer Sozialisation" gemeint ist, individuell höchst unterschiedlich und unterscheidbar angeregt wurde und entwickelt ist.

Darauf kann man mit entsprechendem Material reagieren, mit Texten beispielsweise:

  • Inhalte, die die Kinder betreffen
  • eine längere, in sich geschlossene Geschichte
  • Syntax und Semantik, die ihnen keine oder kaum Schwierigkeiten bereitet.

Man muss aber auch didaktisch-methodisch darauf reagieren. Die Unterrichtsberichte der Lehrerinnen zu den einzelnen Texten der Reihe "Lesespaß für Kinder" geben viele Möglichkeiten und Anregungen.
Eine interessante Variante ist die Parallelität von deutschsprachigem Text und einer Übersetzung in eine andere Herkunftssprache. Für "Pias Geheimnis" haben wir eine Übersetzung ins Türkische angeboten. Mehrfach beschrieben die Lehrerinnen und Lehrer, die damit arbeiteten, das Erstaunen und die große Freude der türkischen Kinder. Zugleich spornte das die deutschsprachigen Kinder an, sich in der anderen Sprache zu versuchen.
Ein weiteres Ergebnis erscheint mir erwähnenswert, das zugleich auf ein Dilemma verweist. Die Texte der Reihe "Lesepaß für Kinder", die von den Lehrerinnen und Lehrern zu kleinen Büchern kopiert, geheftet und geklebt wurden, waren ein ideales "Lesefutter" für einige Kinder im 3. und 4. Schuljahr. In den Arbeitsgemeinschaften für Kinder mit Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten beispielsweise hatten diese Kinder endlich mehr als nur "ihre" Arbeitsblätter: Sie hatten ihnen angemessene Geschichten.
Nur - und da liegt die Problematik, ja Not: In der Bundesrepublik Deutschland tun sich die meisten Verlage schwer, solche "angemessenen" Geschichten und Bücher für ältere Kinder, für Jugendliche und Erwachsene herauszugeben. Leseland Deutschland?